Günter Mayer

Gegenstände

In der Materialsammlung dieses Archivs werden Grundgedanken und Hauptthemen der wissenschaftlichen Arbeit Günter Mayers vorgestellt, darunter zahlreiche Neuansätze.

Günter Mayers Neuansätze entstanden unter den Bedingungen der DDR, aus der Kritik an dort herrschenden Auffassungen vor allem im Bereich der Ästhetik, Musikwissenschaft, Kultur- und Medienwissenschaft. Es ging ihm um differenzierende Konzepte, um präzisierte Kategorien und um weiträumige ästhetisch-kulturtheoretische Konzeptionen. Diese waren und sind politisch motiviert in dem Sinne, dass aus der nüchternen, marxistisch orientierten Analyse der geschichtlichen Widerspruchsbewegungen im gesellschaftlichen Systemzusammenhang Zukunftsmöglichkeiten menschlicher Emanzipation erkundet werden. Realisierbar sind sie durch eingreifendes, im Sinne humanen Fortschritts veränderndes Denken und Handeln.

Günter Mayer

Günter Mayer

In einer Zeit, in der nach dem Untergang des protosozialistischen Systems und dem Übergang von einer bi- zu einer unipolaren Weltordnung apokalyptische Züge zwischen Atomkriegs- bzw. „Erstschlags“-Drohung seitens der USA, Staats- und Individualterrorismus, fortdauernder Angst und Armut (wieder) deutlicher und bedrohlicher hervortreten, erscheinen viele der von Günter Mayer aufgeworfenen Fragen oft fast beklemmend aktuell, viele Antworten, Appelle, Anregungen – der historischen Situation entsprechend zu differenzieren und zu modifizieren – nach wie vor produktiv.
Günter Mayers Ansatz hat dabei in der Regel eine doppelte Frontstellung. Die innermarxistische Kritik ist verbunden mit einer Kritik an bürgerlichen, nicht- oder antimarxistischen Positionen.

Aus der Kritik am vulgärmaterialistischen Soziologisieren, an der Überideologisierung und Überpolitisierung besonders im Bereich der avancierten Neuen Musik und der Diskussion um und über sie samt deren Abwertung im Namen des politischen Fortschritts wurde der Neu-Ansatz der „Materialtheorie“ entwickelt. Damit lässt sich die relative Eigengesetzlichkeit der musikalischen Entwicklung nachweisen: durch die Differenzierung zwischen den politisch-ideologischen und den ästhetisch-künstlerischen Aspekten des Komponierens, zwischen den intendierten, den potentiellen und den realen Funktionen der „Werke“, zwischen Material und Verfahrensweisen. Dabei wird vor allem der historisierende Materialbegriff Adornos und Eislers ausgewertet und weitergedacht, mit Kategorien wie historischer Materialstand, neues Material, verbrauchtes Material, erneuertes Material etc.

Aus der Kritik an der bürgerlichen Musikästhetik mit der zentralen These von der Asemantik als Spezifik der Musik (letztlich das Erbe einer verkürzten Romantik) einerseits und aus der Kritik an der bürgerlichen wie auch der spöttisch „murxistisch“ genannten Hermeneutik andererseits wurde der Neuansatz zur Bestimmung der spezifisch ästhetischen Funktion von Musik entwickelt. In Fortsetzung von Gedanken und Ansätzen vor allem des heute in den Hintergrund gedrängten Philosophen Wolfgang Heise baute Günter Mayer in Abkehr von einer der Musik äußerlich bleibenden Widerspiegelungstheorie – was nicht eine Abkehr von Mimesis- und Widerspiegelungstheorien generell heißt – Ergebnisse der marxistischen Erkenntnis- und Werttheorie sowie der Semiotik aus. Mit der semiotischen Begrifflichkeit und der von Michael Franz übernommenen fünfstelligen, zudem ästhetischen Zeichensituation kann deren wesentlich subjektbestimmte Spezifik differenziert werden. Und in der vermittelten Einheit von Musik als Sprache und Musik als Klang wurden nicht zuletzt die syntaktischen und die semantischen Funktionen auch der nichtverbalen Struktur- und Musterbildungen der Musik neu interpretierbar.

Aus der Kritik an der Einseitigen Orientierung der Musikwissenschaft und -ästhetik auf die artifizielle Musik hin ging der Neuansatz der Hinwendung zur populären Musik, zur Musik der Massen und zur nichtmusikalischen akustischen Umwelt hervor. Damit können die gesamtgesellschaftlichen Dimensionen der Musikkultur und der ästhetischen Kultur in ihren wechselseitigen Beziehungen soziologisch, aber auch ästhetisch differenzierter begriffen werden. Dfür entfaltet Günter Mayer Begriffe wie „rotierende Gestalten“, die evolutiven, die traditiven un die regressiven Aspekte musikalischer Gestaltung und Wahrnehmung.

Aus der Kritik am postmodernen „Konstruktivismus“ – nichts anderes als eine der zahlreichen Neuauflagen unkritischer, subjektivisch-idealistischer Konzepte -, vor allem an der modischen These vom „Rauschen“ des Realen, aber auch an der üblichen Interpretation des Geräuschs als gestaltlosem Lärm entwickelte sich der Neuansatz zur differenzierteren Bestimmung der Geräusche. In Anknüpfung an ältere eigene Überlegungen zum „Dokumentarischen“ präzisierte Günter Mayer den Komplex der ästhetischen Funktionen des Geräuschs und untersuchte sie in Werkanalysen.

Aus der Kritik an der tautologischen Bestimmung der Ästhetik als der Wissenschaft vom Ästhetischen, aus der Kritik an der allgemein verbreiteten Verschwommenheit in der Rede vom Ästhetischen entstand der Neuansatz zur Bestimmung des Ästhetischen als geschichtlich prozessierende Widerspruchsbewegung zwischen Gebrauchswert und Gestaltwert. Der Gestaltwert seinerseits ist die widersprüchliche Einheit von Ausdruckswert und Eigenwert. (Die erwähnte Komplementarität von Musik als Material und Sprache ist ein Aspekt davon.) Mit der These von der tendenziellen Zweckverschiebung hin zum relativen Selbstzweck des sinnlich-sinnhaften, autoreflexiven Genusses sowohl des bewerteten ästhetischen Objekts in seinem So-und-Nicht-Anders-Sein wie des darauf sich beziehenden ästhetisch wertenden Subjektes wurde der an der Musik begonnene Versuch, deren relative Eigengesetzlichkeit als gesellschaftliches Phänomen im gesamtgesellschaftlichen Kontext und seiner Veränderung differenzierter als bisher zu begreifen, auf der allgemeinen Ebene der Gesellschaft und der Ästhetik überhaupt weitergedacht und von da aus fundiert: zugleich im Sinne der Überwindung des Kunstzentrismus der Ästhetik, ihrer Öffnung für die nichtkünstlerischen Bereiche ästhetischer Gestaltung und Wahrnehmung. Die Fassung des „Grundwiderspruchs“ zwischen „Gebrauchs-“ und „Gestaltwert“ wurde wesentlich angeregt durch die Arbeiten von Lucien Sève und natürlich von Karl Marx.

Aus der Kritik am technizistisch verengt gefassten Medienbegriff, seiner Identifikation mit den Massenmedien, auch aus der Kritik an der Rede vo der „Mediatisierung“ der Künste und der Musik ging der Neuansatz einer differenzierenden Konzeption von „Medien“ hervor. So werden verschiedene Typen von Medien untwrschieden (primäre, sekundäre, tertiäre; Medien als gesellschaftliche Regulative: Geld, Macht, Unterhaltung) in produktiver Aneignung und Fortsetzung neuerer („westlicher“) Medientheorien. Und speziell bei den technisch-industriellen Medien entwickelte Günter Mayer im Rückbezug auf Brecht die deutlichere Unterscheidung zwischen den technischen Apparaturen und den „Apparaten“ als gesellschaftlichen Institutionen. Dabei betonte er später die umwälzenden Wirkungen des Übergangs von den analogen zu den digitalen Medien. Eine der wesentlichen Folgerungen aus dem Neubegreifen der Geschichte der Medien für das Begreifen der älteren und neueren Musikgeschichte und -gegenwart ist die These: Die Verschriftlichung der Klangform von Musik bzw. die Elektrifizierung der Musik sind die entscheidenden und grundlegenden großen musikgeschichtlichen Umwälzungen, die tiefgreifenden Revolutionen. Das relativiert die Relevanz der „Materialrevolution“ zumal im frühen 20. Jahrhundert, deren Bedeutung als Materialrevolution damit nicht geschmälert ist.

Aus der Kritik am kunstzentristischen Kulturbegriff entwickelte Günter Mayer mit anderen Kulturtheoretikern der DDR eine materialistische Konzeption des auch im „Westen“ um und nach 1968 vielberufenen weiten Kulturbegriffs (Arbeitskultur, Körperkultur, Wohnkultur, Eßkultur, sexuelle Kultur, Sprachkultur etc.). Statt eines bl0ßen Sammelbegriffs, der den Kulturbegriff eben um „niedere“, körpernähere Sparten erweitert – und in dieser Gestalt seither zu Denk- und Redeweisen etwa von der „Unternehmenskultur“ heruntergekommen ist – fasst Günter Mayer den Begriff dreigliedrig: als objektive Kultur, subjektive Kultur, Persönlichkeitsideal. Letzeres ist klassenbestimmt; dementsprechend gibt es erhebliche Differenzierung in der Gestaltung und Wertung der objektiven Bedingungen für die Entwicklung menschlicher Fähigkeiten, Bedürfnisse und Genüsse (objektive Kultur) und in der Gestaltung und Wertung der subjektiven Aneignung dieser Bedingungen (subjektive Kultur).

Aus der Kritik am technizistischen, auf die Massenmedien, die Freizeit und Unterhaltungskunst zentrierten Begriffs von Massenkultur schließlich entwickelte sich das Konzept eines weiten Begriffs auch von Massenkultur. Eine wichtige Folgerung daraus ist: Die „natürliche“ Wortsprache ist seit eh und je das Massenmedium der Volksmassen; im Begriff der „sozialistischen Massenkultur“ ist die politische Kultur der zentrale Punkt, ebenso die Frage nach der Arbeitskultur etc. Dabei entsteht eine bedenkenswerte Dialektik: Die massenhafte Entfaltung der individuellen Unterschiede ohne privilegierende Schranken ergibt einen positiven Massenbegriff, in dem nicht mehr die dualistische Entgegensetzung von Individuum und Masse gilt, und die Emanzipation der Einzelnen und aller ineinandergreift.

Aus der Kritik der jeweiligen historischen Situation und des Weltzustands entwickelte Günter Mayer seine Ansätze mit der Perspektive einer neuen, humanen Weltordnung. Insgesamt zeigt sich, dass jeweils ineins mit dem Gegenstandsbezug der politische Kontext für den Text konkret bestimmend ist: so etwa der medienpolitische Ansatz bei den Brecht-Veranstaltungen, der musikpolitische Ansatz mit dem Text zur Dialektik des musikalischen Materials oder in den Thesen für Montepulciano sowie in dem Beitrag zur sozialistischen Massenkultur – letzterer als Reagieren auf „Glasnost“ samt damals damit verbundenen Illusionen – und insgesamt natürlich in den vielen Texten zu Eisler, der selbst als Komponist wie mit verbalen Kommentaren stets zu den historisch-politischen Situationen Stellung bezog.

Text (leicht geändert) von Hanns-Werner Heister aus „Günter Mayer: Zur Theorie des Ästhetischen. Musik – Medien – Kultur – Politik; Ausgewählte Schriften“, Hrsg.: Hanns-Werner Heister, Berlin 2006)

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